Kurz nach der extremen Hitzewelle Ende Juni veröffentlicht die Stadt Bonn eine „Karte der kühlen Orte“. Bisher gibt es nur wenige Einträge. die wohl kaum jemandem nützen. Aber was, wenn alle mit anpacken könnten?

Es ist heiß. Schon wieder. Nur wenige Wochen nach den extremen Temperaturen Ende Juni folgt schon wieder die nächste Hitzewelle. Das bedeutet vor allem für Menschen, die in Dachgeschosswohnungen, schlecht isolierten Häusern oder auf der Straße leben: Schwitzen, Kreislaufprobleme, Stress. Wohin kann man gehen, wenn es (fast) überall einfach zu heiß ist?
Viele Städte veröffentlichen aktuell Karten mit Orten, die Abkühlung bieten sollen. Auch das Amt für Umwelt und Stadtgrün der Stadt Bonn hat am vergangenen Mittwoch eine solche “Karte der kühlen Orte” herausgegeben. Mithilfe dieses Tools sollen BonnerInnen schnell und einfach klimatisierte oder ohnehin kühle Orte in ihrer Nähe finden können. Eigentlich eine super Idee, denn wenn öffentliche Gebäude, Museen usw. heruntergekühlt werden, sollten auch möglichst viele Menschen von diesem Komfort profitieren können. Allerdings gibt es in puncto Umsetzung zumindest in Bonn noch einige Probleme. Denn wenn man die Karte aufruft, sieht man nicht viel, und die wenigen Einträge versprechen kaum Aufenthaltsqualität.

Quelle: Geoportal Urban Data Management Bonn (Screenshot)
Einige Tage nach der Veröffentlichung der Karte (Stand: 13.07.2026) sind dort acht öffentliche Gebäude eingetragen, darunter das Stadthaus und die drei Bezirksrathäuser sowie die Touristeninformation und das Gesundheitsamt. Ja, da könnte man wahrscheinlich hingehen. Aber was macht man dann dort? An keinem dieser Standorte wurde bisher ein besonderes Hitze-Angebot eingerichtet. Sitzplätze, an denen es Besucher arbeiten, lesen oder sich unterhalten könnten sind sehr begrenzt oder nicht vorhanden und das Gesundheitsamt kann man nur mit Termin aufsuchen.
Anders sieht es im Kunstmuseum aus, der einzigen eingetragenen Kultureinrichtung. Ein Nachmittag in einem klimatisierten Museum ist tatsächlich eine attraktive Option. Doch nicht alle können sich einen Museumsbesuch leisten. Die Stadt Aachen erlässt daher bei Temperaturen über 30 Grad den Eintritt in allen städtischen Museen. Als ich vor zwei Wochen in der Bonner Bundeskunsthalle war, schien es, als suchten viele Menschen Zuflucht im kostenlos zugänglichen Foyer. Dieses fehlt allerdings auf der städtischen Karte, genauso wie das Haus der Geschichte (Eintritt frei!) und alle anderen Museen. Warum?
Weiter geht es mit Orten, an denen es kostenloses Trinkwasser gibt. Doch auch diese Kategorie ist leider unvollständig und damit nicht wirklich nützlich. Insgesamt sind 23 Trinkbrunnen und Refill-Stationen im Stadtraum oder in Geschäften eingetragen. Mir fallen jedoch auf Anhieb einige fehlende Standorte ein, darunter alle dm-Drogeriemärkte und der Trinkwasserspender im Foyer des Stadthauses. Kann ich die irgendwo einreichen?
Neben fehlenden Einträgen gibt es auch solche, die eher irreführend als hilfreich sind. So ist der Spielplatz in der Wilhelm-Levison-Straße vermeintlich ein „kühler Ort.“ Schaut man jedoch auf die sogenannte Klimaanalysekarte, die die gefühlte Temperatur abbildet, zeigt sich ein enormer Hitzestress für genau diesen Platz. Bis zum späten Nachmittag liegt der recht stark versiegelte Spielplatz in der prallen Sonne, wirklich angenehm ist es dort nicht. Die Klimaanalysekarte und die „Karte der kühlen Orte“ können mit wenigen Klicks im Geoportal der Stadt Bonn übereinandergelegt werden. Warum wurden die Klimadaten dann augenscheinlich bei der Erstellung der „Kühlkarte“ nicht berücksichtigt?


Der Spielplatz in der Wilhelm-Levison-Straße erreicht durch starke Versiegelung und Sonneneinstrahlung hohe gefühlte Temperaturen.
Quelle: Geoportal Urban Data Management Bonn (Screenshot), Foto: Camilla Winterhager
Zu den übrigen „kühlen Orten“ zählen sämtliche Wälder und Grünflächen, Freibäder und einige Kirchen. Im Kottenforst ist es tatsächlich ein paar Grad kühler ist als in der Innenstadt und die Bäume spenden Schatten. Die Empfehlung, bei extremer Hitze ins Freibad zu gehen, sind angesichts von Wartezeiten bis zu einer Stunde, vertrockneten Liegewiesen und übervollen Becken jedoch zweifelhaft.
Wie gesagt: Die Idee der Karte ist nicht schlecht. Damit sie aber wirklich Menschen dabei unterstützt, Orte in ihrer unmittelbaren Nähe zu finden, an denen sie für ein paar Stunden etwas anderes als „heiß“ denken können, braucht es mehr als das, was die Stadt Bonn gerade bietet.
Gute Vorbereitung, zum Beispiel. Aber auch Vertrauen in die Stadtgesellschaft und Mut zur Unkonventionalität. Ein Blick nach Amsterdam zeigt, was sich damit erreichen lässt. Dort hat das städtische Gesundheitsamt bereits vor drei Wochen, mitten in der ersten Hitzewelle des Sommers, eine Karte mit „Koelteplekken“ (kühlen Orten) veröffentlicht. Diese basiert auf dem gleichen Konzept wie die Bonner Karte, jedoch mit einigen entscheidenden Unterschieden.
Zukünftige Hitzewellen antizipierend, hatte das vierköpfige Team hinter dem Tool über Wochen Vorschläge für kühle Orte von AmsterdamerInnen gesammelt. Als es dann heiß wurde und der städtische Hitzeplan in Kraft trat, konnte die Karte sofort gelauncht werden, zunächst mit 12 klimatisierten „Koelteplekken.“ Ausschlaggebend für den Erfolg der Karte war jedoch der Aufruf der Bürgermeisterin Femke Halsema an lokale Unternehmen und Initiativen, sich dem Projekt anzuschließen. Der Appell wurde in den sozialen Medien vielfach geteilt und ging durch die Lokalpresse. Das Ergebnis: Innerhalb weniger Tage vervielfachte sich die Zahl der Einträge auf inzwischen 83, darunter Bibliotheken, Kirchen, Nachbarschaftszentren, Supermärkte, Hotels, Museen, Cafés und ein Stadtbauernhof; alle wollten dabei sein.

Quelle: GGD Amsterdam (Screenshot)
Sobald der Hitzeplan aktiviert wird, können die meisten Amsterdamer nun in ihrer direkten Umgebung einen kühlen Ort aufsuchen. Sitzplätze, Wasser und Toiletten sind dann an allen „Koelteplekken“ gratis, mancherorts werden auch Aktivitäten angeboten. Bilder eines Supermarkts, in dem es kostenlose Limonade, Obst und Kekse an einem Tisch mit Zitronentischdecke gab, machten die Runde. Dieser Supermarkt liegt in Nieuw-West, einem Stadtteil, der nicht nur eher sozial schwach, sondern auch einer der heißesten der Stadt ist. Passenderweise gibt es genau dort die meisten „Koelteplekken“. In Bonn hingegen befinden sich die wenigen kühlen Orte fast ausschließlich in der Innenstadt, in vielen anderen Stadtteilen und den Randbezirken sucht man Einträge vergeblich.
Mein Lieblings-Feature der Amsterdamer Karte heißt allerdings „loopschaduw“, also Laufschatten. Hier kann man sich für vier Uhrzeiten anzeigen lassen, wo gerade Schatten oder Sonne ist. Wann finde ich im Park am ehesten ein schattiges Plätzchen? Wo muss ich langradeln, um morgens ein bisschen Sonne abzubekommen oder nachmittags nicht zu schmelzen? Dieses Tool kann Menschen tatsächlich helfen, ihren Tagesablauf bei Hitze ein wenig angenehmer zu gestalten. Und wenn man, wie die meisten Städte, ohnehin über Geodatensätze mit Gebäudehöhen und Stadtbäumen verfügt, ist die technische Umsetzung auch kein Hexenwerk.
Um seinen Weg zur Uni oder den Parkspaziergang noch optimaler zu gestalten, könnte man auch noch das Verzeichnis der Trinkbrunnen und öffentlichen Wasserhähne zu Rate ziehen. Auf der Amsterdamer Karte sind ganz 542 Trinkwasserstellen verzeichnet. Pro 10.000 Einwohner gibt es dort also ca. 5,74 eingetragene Wasserspender, im Vergleich zu 0,88 in Bonn.

Quelle: GGD Amsterdam (Screenshot)
Man könnte jetzt sagen: Na ja, in den Niederlanden, da ist einfach alles irgendwie besser. Mal ganz davon abgesehen, dass das so nicht stimmt, gibt es auch deutsche Städte, von denen sich Bonn in Sachen „kühle Orte“ noch etwas abschauen könnte. Köln, zum Beispiel, hat ebenfalls eine „interaktive Landkarte von Bürger*innen für Bürger*innen“ eingerichtet. Dass auf dieser Karte deutlich über hundert Orte (Stand: 14.07.2026) eingetragen sind, ist vor allem ihrer partizipativen Natur zu verdanken.

Quelle: Stadt Köln (Screenshot)
Die Stadt scheint erkannt zu haben, dass die KölnerInnen ihre Veedel am besten kennen, und die Leute machen mit. Kühle Ladenlokale, schattige Parkbänke, dickwandige Dorfkirchen oder ruhige Unterführungen werden, teilweise mit ausführlichen Beschreibungen und Fotos, nach und nach eingetragen. Wenn KölnerInnen die Karte jetzt aufrufen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie ein kühles Plätzchen in ihrer Umgebung finden. Und das muss auch so sein, damit solche Verzeichnisse wirklich genutzt werden.
Die Ansätze aus Köln und Amsterdam haben vor allem eines gemeinsam: sie animieren zum Mitmachen. Köln setzt auf ‚Citizen Science‘ (quasi Schwarmintelligenz), Amsterdam baut ein lokales Abkühlungs-Netzwerk auf. Kommunen müssen nicht alles selbst machen, dazu haben die allermeisten weder die personellen noch finanziellen oder räumlichen Kapazitäten. Natürlich wäre es trotzdem schön, wenn die Stadt die (klimatisierten) Räume, die sie besitzt, der Gesellschaft zur Verfügung stellen würde. Im Bonner Stadthaus steht zum Beispiel die ehemalige Kantine meistens leer, allerdings ist sie nicht öffentlich zugänglich. Dort an heißen Tagen Studierende lernen oder SeniorInnen frühstücken zu lassen, wäre ein sinnvoller erster Schritt. Doch wenn selbst solche vermeintlich unkomplizierten Projekte zu teuer oder zu kompliziert sind, dann können Städte zumindest denjenigen, die etwas anzubieten haben, eine Plattform bieten.
Um urbanen Herausforderungen wie Hitzewellen etwas entgegensetzen zu können, braucht es eine Tauzieh-Stimmung. Die „Koeltekaart“ ist nur ein Beispiel dafür, wie Städte wie Amsterdam Tatkraft, Kreativität und Gemeinsinn der Stadtgesellschaft anzuregen und zu nutzen wissen. Wie sie schnell handeln und Dinge einfach mal ausprobieren. So können zum Beispiel alle Amsterdamer vor ihrer eigenen Haustür anfangen: Schnell und unkompliziert kann man sich einen Mini-Vorgarten von der Stadt anlegen lassen und diesen dann selbst bepflanzen.
Gerade jetzt, wo Bonn vor mehreren großen und kleinen Problemen steht (Stichwort: Nordbrücke, Schwimmbäder, Schulen, Oper) und das Geld knapp ist, sollten Verwaltung und Politik über unkonventionelle, partizipative Ansätze nachdenken. Aber bitte nicht zu lange!